Ich habe mein Depot aufgelöst und die Kurse steigen wieder. Was soll ich tun? Diese Frage stellt sich vielleicht der/die eine oder andere.
Es war ein nervenaufreibendes Jahr an den Börsen. Die Schlagzeilen überschlugen sich nach dem Amtsantritt von Trump: „Trump verhängt neue Strafzölle“, „Handelskrieg eskaliert“, „China kontert“ – die Finanzmärkte reagierten prompt. Die EU erhebt Gegenzölle und nimmt dann gleich wieder ein paar davon zurück. Innerhalb weniger Tage rauschten die Kurse in den Keller. Viele von uns, die in ETFs oder Aktien investiert hatten, standen vor einer schwierigen Entscheidung: Halten oder verkaufen?
Manche entschieden sich für den Verkauf – aus Angst, aus Panik oder weil es sich schlichtweg „richtig“ anfühlte. Und dann, fast über Nacht, änderte sich das Bild erneut: Donald Trump kündigte eine 90-tägige Atempause in der Zollpolitik an. Die EU setzt ihre Gegenzölle für die nächsten 90 Tage ebenfalls aus. Die Märkte atmeten auf – und stiegen plötzlich wieder an. Der Rest ist bekannt. Auf das Jahr gesehen liegen gängige MSCI-World-ETFs mit über 7% im Plus.
Wer also in der Talfahrt sein Depot verkauft hat, schaut nun mit einem mulmigen Gefühl auf die neuen Kursstände. War das ein Fehler? Was soll ich jetzt tun?
Überblick
In eigener Sache
Bevor wir da jetzt aber ins Detail gehen, erst einmal eine Entschuldigung an alle Leserinnen und Leser dieses Blogs.
Es hat jetzt doch sehr lange gedauert, bis hier mal wieder ein neuer Artikel erschien. Vielleicht bekommt es tatsächlich auch niemand mehr mit, weil niemand mehr hier nachschaut. Das kann gut sein.
Das letzte Jahr war für mich eine sehr bewegte Zeit. Ich nahm mir hier auf dem Blog eine Auszeit, die dann etwas ausgeuffert ist.
Erst durfte ich für ein halbes Jahr eine Professur in München übernehmen, was viel Spaß gemacht hat, aber auch ziemlich anstrengend war. Danach lief meine bisherige Stelle aus und ich musste mich umsehen und etwas Neues finden. Im persönlichen Umfeld gab es auch ein paar Ereignisse, die Kraft kosteten.
Das hatte dann einfach Priorität, leider. Aber jetzt bin ich ja wieder da – und gleich zurück zum Thema.
Emotionen und Börse: Eine explosive Mischung
Zunächst einmal: Du bist nicht allein. Die Börse ist kein Ort der kühlen Rationalität. Sie lebt von Erwartungen, Emotionen und – ja – manchmal von irrationalem Verhalten – in Zeiten eines Präsidenten Trump natürlich sowieso. Wenn plötzlich überall vom Handelskrieg die Rede ist, wenn Experten Crash-Szenarien skizzieren und das eigene Depot täglich an Wert verliert, dann ist es nur menschlich, die Reißleine ziehen zu wollen.
Die Phase der Zölle und Strafzölle ist mittlerweile fast vergessen. Aktuell ist dann wieder die Rede davon, dass die Märkte heiß gelaufen sind und sich insbesondere die Technologiewerte überhitzt haben. Ein Crash steht vor der Tür. Klar. Kann sein. Vielleicht aber auch nicht.
Der Wunsch nach Sicherheit ist tief in uns verwurzelt, ebenso wie unser Fluchtreflex. Letzterer ist ein evolutionäres Erfolgsrezept. Er hat unseren Vorfahren das Überleben gesichert.
Nur: An der Börse hilft das leider gar nicht. Sicherheit bedeutet hier nicht, sich dem Sturm zu entziehen, sondern mit ihm zu leben, ihn auszuhalten und sich langfristig nicht davon abbringen zu lassen.
In Panik verkaufen – ein klassischer Fehler, leider
Der klassische Fehler ist dabei leider, die Flucht anzutreten und in Panik zu verkaufen. Das ist wie ein Torwart, der sich aus Angst vor dem Ball abwendet. Das muss einfach schiefgehen.
Wenn du dein Depot gerade in einem Anfall von Panik verkauft hast, hast du genau das getan, was man laut Theorie immer vermeiden will: Du hast im Affekt verkauft. Schlechter Trost: Du bist damit sehr wahrscheinlich nicht allein, denn es geht vielen so.
Dabei ist das Problem nicht nur, dass du – sehr wahrscheinlich – zu einem schlechten Preis verkauft hast – sondern dass du oft auch zu einem höheren Preis wieder einsteigen musst.

So entsteht der klassische Verlust durch psychologische Fehlentscheidungen: tief verkaufen und hoch einkaufen. Dabei wollte man doch eigentlich genau das Gegenteil tun.
Aber sei dir bewusst: Das ist kein Zeichen von Dummheit. Es ist ein Zeichen dafür, dass du ein Mensch bist – mit Emotionen, mit Ängsten, mit einem natürlichen Bedürfnis nach Kontrolle.
Der „Ich-halte-es-nicht-mehr-aus“-Ansatz um den Markt zu timen, funktioniert leider nicht.
Die 90-Tage-Pause: Plötzliche Erholung
Dass sich Trump nach all der anfänglichen Rhetorik plötzlich auf eine 90-tägige Verhandlungspause einließ, war für viele eine Überraschung. Den Tag davor sah es noch ganz anders aus.
Die Börsen reagierten mit einer beeindruckenden Erholung. Innerhalb weniger Stunden machten viele Indizes einen Großteil der Verluste wieder wett.
Im Rückblick ist das Schnee von gestern.
Und danach? Viele Investoren standen ratlos da. Sie hatten verkauft, saßen nun auf ihrem Bargeld – und die Kurse zogen wieder an. Wieder einzusteigen, fühlt sich da dann falsch an. Aber draußen zu bleiben auch. Ein echtes Dilemma.
Was tun? Akzeptieren – lernen – nach vorne blicken
Wenn du dich in dieser Situation wiedererkennst, ist der erste Schritt ganz klar: Akzeptieren, was passiert ist.
Ja, du hast in einer Phase voller Emotionen eine Entscheidung getroffen, die sich im Nachhinein als suboptimal erwiesen hat. Aber: Das ist okay. Wirklich. Niemand trifft immer die richtigen Entscheidungen – nicht an der Börse, nicht im Leben.
Oh, du hast noch nie im Leben einen Fehler gemacht, und wenn, dann sind immer die anderen schuld? I see. Das kenne ich natürlich auch, aber außer mir selbst, nimmt mir das leider niemand ab…
Irren ist menschlich, aber wichtig ist, dass du daraus lernst. Und der wichtigste Lerneffekt könnte lauten: Geduld zahlt sich aus.
Und daher solltest du jetzt einen Entschluss fassen: Ja, du hast Lehrgeld gezahlt, aber nur einmal. Von nun an passiert dir das nicht noch mal.
Triff daher den festen Entschluss, von jetzt an – zumindest bei breit diversifizierten ETF-Anlagen – keine Panikverkäufe mehr vornehmen.
Geduld ist eine Tugend, aber auch eine Anlageklasse
Viele erfolgreiche Investoren – egal ob in Einzelaktien oder in ETFs – betonen immer wieder, wie entscheidend Disziplin und Geduld sind. Nicht das perfekte Timing macht langfristigen Erfolg aus, sondern das Durchhalten in schwierigen Zeiten.
Wenn du in einen weltweit diversifizierten ETF investiert bist, etwa in den MSCI World oder den FTSE All-World, dann bist du anteilig nicht an Hunderten, sondern sogar an Tausenden Unternehmen beteiligt.
Diese Firmen werden nicht einfach alle auf einmal verschwinden, nur weil es politische Unruhen gibt. Die Allermeisten passen sich an, sie stellen sich neu auf, sie überstehen Krisen – genau wie die Wirtschaft als Ganzes.
Und genau deshalb ist Zeit dein bester Verbündeter. Nicht der schnelle Euro beim Einstieg oder der schnelle Verkauf.
Was jetzt? 4 Schritte, um ein besseres Investor zu werden
Wenn du nun also wieder investieren willst – aber unsicher bist, wie – dann könnten dir die folgenden 4 Schritte dabei helfen:
- Unterstützung suchen bzw. sich informieren
- Schädliches Verhalten bedauern und akzeptieren
- Beschluss fassen, es von jetzt an anders zu machen
- Gegenmittel verwenden
Diese Herangehensweise habe ich von buddhistischen Lehrwerken übernommen und adaptiert, in denen es darum geht, wie man ganz allgemein mit eigenem destruktiven Verhalten umgehen kann und dieses allmählich verbessert.
1.Unterstützung suchen bzw. sich informieren
Hier gibt es zwei mögliche Ansätze: entweder, du suchst dir einen Berater, der sich wirklich auskennt und dabei auch wirklich nur deine Interessen verfolgt. Das sollte, meiner Meinung nach, niemand sein, der sich über Provisionen finanziert, sondern ein Honorarberater. Ja, das kostet, aber bitte nicht am falschen Ende sparen.
Die andere Option: Du musst dich selbst informieren. Damit meine ich nicht dubiose Blogs wie diesen, YouTube- oder Social-Media-Beiträge, sondern Fachliteratur, wie z.B. Souverän investieren von Dr. Gerd Kommer* oder auch Genial einfach investieren von Prof. Dr. Martin Weber*.
2. Schädliche Verhalten bedauern und akzeptieren
Wenn du dir die Situation anschaust, mach‘ dich ehrlich. Es ist dumm gelaufen und es macht keinen Sinn, sich jetzt etwas vorzulügen. Durch dein Verhalten hast du Geld verloren. Kann passieren.
3. Den Beschluss fassen, es von jetzt an anders zu machen
Klingt banal, ist aber entscheidend. Ja, du hast Mist gebaut. Ja, du hast Geld verloren. Kann passieren – aber bitte nur einmal. Du hast nämlich auch etwas gewonnen: Weisheit und Erfahrung. Deshalb entscheidest du jetzt fest und unumstößlich, dass dir das nicht noch einmal passiert. Nie wieder
Egal, was kommt, du lässt dich nicht wieder von deinen Emotionen überrollen und verkaufst von jetzt an nicht mehr in Panik. Du bleibst einfach investiert, komme, was wolle. Aber Achtung, der Ratschlag gilt für ETFs und Indexfonds und nicht für Einzelinvestments.
4. Gegenmittel nutzen
Du hast dich informiert, bedauerst dein vorheriges Verhalten und hast den Beschluss gefasst, so etwas nicht mehr zu tun. Dann geht es jetzt daran, das Ganze in die Praxis umzusetzen. Aber wie? Wie kommst du jetzt wieder in den Markt hinein und bleibst investiert?
a. Langsam wieder einsteigen: Der Sparplan-Ansatz
Statt alles auf einmal wieder zu investieren, kannst du mit einem monatlichen ETF-Sparplan Stück für Stück in den Markt zurückkehren. So vermeidest du das Risiko, erneut zum falschen Zeitpunkt alles auf eine Karte zu setzen.
Dieser Ansatz – auch bekannt als „Cost Averaging“ – hilft dabei, Emotionen rauszunehmen und langfristig wieder eine solide Position aufzubauen.
Ist es ideal? Nein. Vielleicht verpasst du mit einem Teil deines Geldes etwas, wenn du nicht gleich alles investierst.
Egal. Deine Investition muss nicht perfekt sein. Lass die Vorstellung los, immer alles richtig oder hundertprozentig machen zu wollen. Das geht bei der Geldanlage nur schwer.
b. Einmalige Reinvestition – und dann Augen zu und durch
Wenn du damit mental leben kannst, ist es auch möglich, das Bargeld auf einmal wieder zu investieren. Studien zeigen: Wer lange wartet, in der Hoffnung auf günstigere Einstiegskurse, verpasst oft mehr, als er gewinnt – und das gilt auch für einen Teil deines Geldes beim stufenweisen Wiedereinstieg.
Klar, es kann nochmal runtergehen. Aber genauso gut kann es weiter hochgehen. Und am Ende zählt nicht, ob du „perfekt“ eingestiegen bist, sondern wie lange du investiert bleibst.
Mir ist es tatsächlich schon passiert. Ich bin mit einer größeren Summe genau zum falschen Zeitpunkt vor einem Crash eingestiegen. Es fühlt sich mies an, keine Frage. Zum Glück habe ich die Nerven aber nicht verloren, blieb investiert und ein halbes Jahr später war alles wieder im Plus.
Wenn du aber generell ängstlich bist – und ein bereits erfolgter Panikverkauf würde darauf schließen lassen – kann es sinnvoll sein, erst einmal langsam in mittels mehrerer Tranchen wieder einzusteigen.
c. Einsteigen, aber mit der richtigen Mischung
Egal, ob du nun allmählich wieder einsteigst oder mit einer einmaligen Reinvestition – du brauchst eine gut diversifizierte Geldanlage, mit der du nicht so schnell wieder in Panik gerätst.
Hierzu ist es wichtig, dass du deine Schwankungstoleranz gut kennst und dein Portfolio entsprechend ausrichtest. Ein Depot, das zu 100% aus Aktienwerten besteht, schwankt schon mal recht ordentlich.
Wenn du stattdessen 30%, 50% oder sogar 70% Anleihen dazu mischst, wird zwar die langfristige Rendite mit zunehmendem Anleihenanteil geringer, das Depot schwankt aber in der Regel nicht mehr so stark.
Schau dir zum Beispiel mal den Arero-Weltfonds an. Er hat eine Zielgewichtung von 60% Aktien, 25% Anleihen und 15% Rohstoffen. So hat er es seit seiner Auflage im Jahr 2011 bis heute auf ca. 6,8% Rendite pro Jahr gebracht.
Das ist sehr ordentlich. Vor allem hat er das aber auch mit deutlich geringeren Schwankungen als ein MSCI World erreicht.
d. Und wenn dann doch die Panik kommt?
Und wenn dich doch die Panik einholt, dann halte dich an den Hitchhikers Guide through the Galaxy: Don’t Panic. Du kannst natürlich auch diesem buddhistischen Ratschlag für den Umgang mit Emotionen folgen: Sei wie ein Baum! Soll heißen, lass dich nicht von Emotionen übermannen, sondern sitze es aus.
Aktieninvestments sind da ja wie ein Obstbaum. Wenn du die Aktieninvestments in Ruhe lässt und ruhig abwartest, kommen die Früchte. Sie erholen sich nach dem Sturm und bringen dir zwischendrin vielleicht sogar weitere Ausschüttungen ein.
Und wenn die Unsicherheit dann doch gar zu groß wird, suche dir Unterstützung, wie oben beschrieben. Auch wenn ein Honorarberater teuer erscheinen mag. Wenn er dich in einem Gespräch davon abhält, einen Panikverkauf zu tätigen, hat er dir das Honorar vermutlich mehr als wieder hereingebracht.
Lehrgeld – eine unbequeme, aber wertvolle Lektion
Du hast jetzt vielleicht „Lehrgeld“ gezahlt. Das klingt unangenehm – aber viele erfahrene Anleger berichten, dass gerade diese Fehler die wertvollsten Lektionen für sie waren. Wer einmal den Schmerz eines schlechten Timings gespürt hat, wird beim nächsten Mal anders handeln.
Börsenerfahrung ist wie das Leben: Es besteht aus Erfolgen und Niederlagen. Und wer nur auf Sicherheit spielt, wird nie die Rendite erreichen, die die Märkte über die Jahrzehnte hinweg bieten.
Eine blutige Nase ist am Anfang nicht so schlimm. Besser, man lernt diese Lektion gleich, als wenn das Depot schon eine gewisse Größe erreicht hat.
Fazit: Nicht der Fehler zählt, sondern der nächste Schritt
Du hast dein Depot aufgelöst und die Kurse sind wieder gestiegen? Dann ist das bitter – keine Frage. Aber es ist auch eine Gelegenheit: eine Gelegenheit, deine Strategie zu überdenken, dich neu aufzustellen und aus der Erfahrung zu lernen.
Wie schon ein früherer FDP-Vorsitzender sagte: Probleme sind nur dornige Chancen.
Geduld, Disziplin und ein langer Atem sind die Schlüssel zu erfolgreichem Investieren. Wenn du jetzt den Mut findest, zurückzukehren – mit klarem Plan und gefestigtem Mindset – dann wirst du langfristig erfolgreich sein. Daran habe ich keine Zweifel.
Mit jedem Abschwung, den Du aussitzt und hinterher wieder höher dastehst, kommen dann auch das Vertrauen und die Zuversicht, die dir durch die nächste Krise helfen.
An der Börse gilt: Nicht wer am schnellsten handelt, sondern wer am längsten durchhält, gewinnt.
In diesem Sinne wünsche ich dir eine stets entspannte und ausgeglichene Haltung bei der Geldanlage, aber auch im Leben!
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