Gehört die Börse den Jungen oder bleibt alles bei den Alten?

Gehört die Börse den Jungen oder den Alten? Was ist mit der Aktionärskultur in Deutschland und dem Sparverhalten? Investmentfonds und Gold - was ist beliebter?

Hin und wieder lese ich dann doch mal ermutigende Pressemeldungen. So vermeldet Capital, G+J Wirtschaftsmedien in einer Pressemeldung vom 20.1.2022, dass die Zahl der Aktionäre unter 30 im letzten Jahr enorm gestiegen ist.

Doch was heißt das konkret? Gehört die Börse jetzt den Jungen oder bleibt doch alles bei den Alten bzw. beim Alten?

Die Zahlen von Capital sind auf den ersten Blick beeindruckend:

  • ~ 49.000 Junganleger und -anlegerinnen kamen im vergangenen Jahr neu an die Börse,
  • die Zahl der Aktienbesitzer unter 30 Jahren klettert auf 1,488 Mio.,
  • Aktienneulinge tun was dieser Blog hier rät: sie diversifizieren und nutzen vor allem Indexfonds.

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Gehört die Börse den Jungen?

In meiner persönlichen Finanzblog-Bubble hatte ich ja die letzten Jahre schon den Eindruck, dass die Zahl der jungen Anlegerinnen und Anleger kontinuierlich steigt. Diese Beobachtung scheint also auch den Tatsachen zu entsprechen.

49.000 neue Ü30-Anlegerinnen und Anleger im Jahr 2021 sind eine hohe Zahl und macht Mut. Auch die Gesamtzahl der Aktienbesitzer unter 30 Jahren von fast 1,5 Millionen ist beeindruckend. Bei ca. 13,2 Mio. Menschen im Alter zwischen 14 und 30 entspricht dies in etwa 11,37%.

Laut Aktionärszahlen des Deutschen Aktieninstituts (DAI) gab es demgegenüber in Deutschland insgesamt etwa 12,1 Millionen Menschen über 14 aller Altersklassen, die in Aktien, Aktienfonds oder aktienbasierte ETFs investiert waren. Dies entspricht in etwa 17,1 % der Bevölkerung ab 14 Jahren.

Dieser Prozentsatz ist nun zwar deutlich höher als bei den unter 30-Jährigen, doch sind die wirtschaftlichen Voraussetzungen in der Altersklasse natürlich ganz andere. Dass es in dieser Altersklasse so hohe Prozentzahlen gibt, hätte ich daher nicht angenommen.

Gehört die Börse den Jungen? Das nun vielleicht auch wieder nicht. Immerhin muss sich ja ein Vermögen mit der Zeit angespart werden.

Die Älteren Anlegerinnen und Anleger dürften deshalb noch ganz andere Beträge auf der hohen Kante haben als ihre jugendlichen Pendants. Trotzdem: wenn diese einmal im selben Alter sind wie die heutigen älteren Anlegerinne und Anleger, dürfte es viel besser um sie bestellt sein.

Bessere Aktionärskultur in Deutschland sorgt für bessere Zahlen bei den Jungen?

Andererseits kann dies natürlich auch daran liegen, dass sich generell eine bessere Aktionärskultur in Deutschland bildet. Viele der Aktionäre nutzen dann auch Möglichkeiten wie ein Junior-Depot, um für den eigenen Nachwuchs vorzusorgen, so wie wir das auch für unser Kind tun.

So oder so, ist das für mich eine gute Nachricht. Der Aufwärtstrend der letzten Jahre scheint robust zu sein. Okay. Das Wachstum ist nun nicht mehr ganz so stark wie direkt nach dem Corona-Crash, als 2020 immerhin etwa 600.000 unter 30-Jährige den ersten Schritt an die Börse wagten.

Dies bestätigt Christine Bortenlänger, geschäftsführende Vorständin des DAI gegenüber Capital:

“Der Trend ist 2021 geblieben, auch im Jahr 2021 ist die Zahl der Aktiensparerinnen und -sparer in der Altersgruppe unter 30 Jahren gewachsen” und “Junge Menschen erkennen und nutzen zunehmend die Vorteile der Aktienanlage.”

Insgesamt hat sich tatsächlich viel getan: so gibt es laut Zahlen des DAI seit 2008 fast vier Millionen Neuanlegerinnen und Neuanleger. Die Zuwächse bei den unter 30-Jährigen haben daran einen Anteil von 1 Million.

Positiv finde ich auch, dass laut DAI 1/3 der Aktiensparerinnen und Aktiensparer in Deutschland weiblich ist. Hier tut sich also etwas. Insgesamt hat jeder 6. Mitbürger in Deutschland ein Aktieninvestment im Depot.

Halleluja, das macht doch Hoffnung. Die Zeiten, in denen man verschämt zugab, dass man auch in Aktien investiert, weil man nicht als böser Kapitalist gelten wollte, sind nun vielleicht doch vorbei.

Trotzdem bleibe ich vorsichtig, das Hohelied auf die bessere Aktionärskultur in Deutschland anzustimmen, auch wenn ich vorsichtig optimistisch.

Wir müssen erst einmal sehen, was sich im Falle eines länger anhaltenden Crash tut und ob der Trend dann immer noch stabil bleibt.

Es leben die Neobroker und Smartbroker?

Die wachsende Zahl von Neobrokern, Smartbrokern und RoboAdvisorn ist wohl gleichsam Ausdruck dieser Entwicklung. Sie beflügelt die Aktionärskultur in Deutschland sicher auch. Viele dieser Anbieter wie Trade Republic und Scalable Capital zielen dabei ja auch direkt auf junge Anlegerinnen und Anleger ab.

Doch auch die Anzahl neuer Fondssparpläne bei den Volksbanken und Sparkassen hat wohl zugenommen und rangiert in den Hunderttausenden. Es gibt sie also noch, die Menschen, die für eine Aktienberatung die nächstgelegene Bank aufsuchen.

Das war zwar irgendwie erwartbar, stimmt mich aber doch nachdenklich. In diesem Bereich sehe ich einfach zu viele Interessenskonflikte und habe Zweifel, dass die vermittelten Produkte immer gut für die Anlegerinnen und Anleger sind.

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Bronze für Investmentfonds und Gold nur auf den Rängen

Die Capital-Pressemeldung verweist auch auf das jüngste Anlagebarometer von Union Investment, laut welchem immerhin ca. 46 % der Deutschen angeben, in Investmentfonds investieren zu wollen. Auch wenn Immobilien in diesem Ranking noch auf Platz 1 verweilen

Ja, der Blick in das jüngste Anlagebarometer von Union Investment ist aufschlussreich. Demnach gaben immerhin rund 46 Prozent der Deutschen an, dass sie gerne in Investmentfonds investieren wollen. Das ist Bronze für Invesmtentfonds.

Damit blieben Immobilien mit 76% auf Platz eins der Lieblingsanlageformen, dicht gefolgt von der Betriebsrente mit 64%.

Investmentfonds eroberten hier erstmals Platz drei auf dem Podium. Sie liegen damit knapp vor einzelnen Aktien und Gold (40% und 36%). Gold landet hier als nur auf den Rängen.

Insbesondere junge Sparerinnen und Sparer zwischen 20 und 29-Jahren setzen allem Anschein nach zunehmend auf Investmentfonds. Hoffentlich sind es vorwiegend Indexfonds und ETFs und nicht aktiv gemanagte Fonds. 

Sparverhalten der Anlegerinnen und Anleger

Auch beim Sparverhalten sieht es gar nicht so schlecht aus. 71% der Befragten gaben an, regelmäßig Geld zurückzulegen.

Völlig richtig, dass dabei zuerst an die Notfallrücklage (82%) gedacht wird. Bereits an zweiter Stelle folgt dann schon die Altersvorsorge (77%). Interessanterweise war die Altersvorsorge aber in früheren Befragungen an erster Stelle.

Daraus könnte man vielleicht schließen, dass die deutschen Sparer Corona sehr mitgenommen hat und viele in dieser Zeit ihren Sparstrumpf für Notfälle geleert haben. Der muss nun erst wieder befüllt werden.

Allgemein sind wir Deutschen ja als Sparweltmeister bekannt und das zeigt sich auch in den Sparbeträgen: die meisten Anlegerinnen und Anleger (33%) sparen demnach monatlich zwischen 100 und 250€.

Fast ein Viertel (24%) kommt sogar auf eine Sparleistung von monatlich 250-500€. Gerade wenn diese Summen langfristig in Aktien-ETFs oder Indexfonds investiert werden sollten, wäre das vielversprechend.

Muss Anlegen einfach sein?

Folgt man Trade-Republics Chef und Gründer Christian Hecker, dann muss Anlegen bzw. Investieren “so einfach sein wie eine Bestellung bei Zalando”, denn “viele junge Menschen halten Geldanlage am Kapitalmarkt für sinnvoll, empfinden es aber als zu komplex und elitär.” (Capital-Pressemeldung)

Tja, keine Ahnung. Ich oute mich jetzt mal, dass ich noch nichts bei Zalando bestellt habe, aber okay. Im Prinzip stimme ich dem ja zu. Der Wunsch nach einfacheren Anlagelösungen ist da.

Selbst habe ich ja auch immer noch ein Konto bei Onvista, die ja in ihrem Broker nach wie vor ihre fast antiquarisch anmutende Oberfläche konservieren. Da denke ich mir auch oft: das müsste einfacher gehen.

Womit ich allerdings ein Problem habe, ist die Überoptimierung und Gamification. Es ist mein persönlicher Eindruck sein und vielleicht liege ich da falsch.

Für meinen Geschmack geht es bei manchen Anbietern aber etwas zu leicht mit dem Anlegen. Gerade HandyApps scheinen zum Handeln zu animieren und das ist eigentlich nicht vorteilhaft.

Ähnliche Bedenken äußert auch die Finanzmarktforscherin Alexandra Niessen-Ruenzi gegenüber Capital:

“Sie befördern nicht das Anlageverhalten, das ich aus wissenschaftlicher Sicht empfehlen würde. Man guckt dauernd auf diese Apps drauf. Man fängt an, viel zu handeln. Das ist nicht unbedingt die optimale Strategie für Kleinanleger.”

Prof. Dr. Alexandra Niessen-Ruenzi, empirische Kapitalmarktforschung (Universität Mannheim)

Anscheinend ist die Sorge bisher aber unbegründet. Erik Podzuweit, Gründer von Scalable Capital, erklärt gegenüber Capital, dass unter den 10 beliebtesten Geldanlagen junger Anlegerinnen und Anleger mit Apple lediglich eine Einzelaktie ist. Der Rest konzentriert sich allem Anschein nach auf ETFs.

Das macht Hoffnung und persönlich mag ich die neuen Anbieter wie Scalable Capital, Smartbroker und Trade Republic-App ja auch sehr. Auf die Handels- und Sparplankosten hat sich der Konkurrenzkampf positiv ausgewirkt.

Hoffen wir, dass die Nutzer weiterhin so dispzipliniert bleiben.

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Fazit – Gehört die Börsen den Jungen oder den Alten

Noch haben die Alten an der Börse wohl die Oberhand, aber bald schon gehört die Börse den Jungen, könnte man meinen. So leicht ist es dann auch wieder nicht.

Die alten Hasen haben, was das Anlagevolumen angeht, einfach einen entscheidenden Vorsprung. Eines der wichtigsten Assets an der Börse ist: Zeit.

Das Anlagevolumen in den Händen der alten Anlegerinnen und Anleger, sollte naturgemäß deutlich höher sein. Das lässt sich dann auch nicht mehr so leicht einholen.

Außerdem bringt die Zeit an der Börse selbstredend auch Erfahrung mit sich. Gerade in Krisenzeiten ist das hilfreich.

Dass aktuell aber so viele junge Leute an den Markt drängen macht Hoffnung. Sie werden nun ihre Erfahrungen sammeln und langfristig gehört die Börse dann ganz sicher Ihnen.

Sieht man sich das Sparverhalten junger Leute an, könnten sie über das ganze Leben betrachtet eine deutlich bessere Bilanz haben als die Generation Aktienmuffel.

Leider wird die ältere Generation die Resultate davon aber nicht mehr vollumfänglich mitbekommen.

Ein bisschen neidisch bin ich schon. Mal ehrlich.

Mein Sohn ist mit 8 Jahren jetzt dank seinem Junior-Depot und dem Vanguard ESG Global All Cap UCITS ETF breit investiert in knapp 6.000 Aktienunternehmen weltweit. Davon konnte ich mit meinem Knax-Sparbuch damals nur träumen.

Meine Investments unter 30 beschränkten sich leider vor allem auf Festgeld und einen Fonds im Versicherungsmantel.

Okay. Mein Festgeld hat damals immerhin ca. 7% abgeworfen und das klingt toll, solange man die Inflation unter den Tisch fallen lässt.

Den Vertrag würde ich heute natürlich trotzdem gerne noch einmal bekommen für den risikoarmen Anteil des Portfolios.

Momentan ist die Entscheidung für mich klar: mein Geld wird in ETFs investiert. Wenn Du wissen möchtest, was es bei der Auswahl von ETFs zu beachten ist, dann ist dieser Artikel über den Einstieg ins ETF-Sparen genau das Richtige.

Wie sieht es bei Dir aus? Bist Du ein alter Börsenhase bzw. eine alte Börsenhäsin oder gehörst zu den jungen Anlegerinnen und Anlegern? Wie sieht es mit Deinem Sparverhalten aus? Legst Du eher in Einzelaktien und ETFs an oder sogar Investmentfonds, die Dir ein Bankberater vermittelt hat? Hilfst Du dabei, die Aktionärskultur in Deutschland voranzubringen? Vielleicht hast Du aber auch eine Frage, eine Bemerkung oder sogar einen Fehler gefunden, den ich dringend beseitigen sollte? Das kommt schon einmal vor und dann melde Dich bitte. Auf Deine Fragen, Kommentare und Anregungen freue ich mich bereits! Hinterlasse doch gerne eine kurze Nachricht.

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3 Antworten zu “Gehört die Börse den Jungen oder bleibt alles bei den Alten?”

  1. Zwar gern früh Erfahrung mit verschiedenen Anlageformen, Zinseszins, Zeitfaktor und Risikostreuung gewinnen. Aber besonders in der beschriebenen Phase auch in sich selbst investieren!! Zum Beispiel Weiterbildung, Studium, Praktika, Auslandsaufenthalt,… auch kleine Dinge wie Reisen, Karten für das Open Air,… Drückt alles die Sparquote, dennoch: Die Rendite an späterem Einkommen, an Lebenserfahrung und Lebensgewinn ist extrem hoch. Da stimmt der Yogi sicher zu 🙂

    1. Unbedingt. Ich bin ja auch kein Freund davon, die Sparquote verbissen zu optimieren. Vieles geht später ja auch nicht mehr so leicht. Wenn man mal Kinder hat, ist es z.B. schon logistisch ein viel höherer Aufwand, wenn man mal eine Weile ins Ausland möchte. Die 5 Jahre, die ich in Indien verbracht habe zum Studieren, waren eine wahnsinnige Erfahrung und die würde ich gegen nichts eintauschen. Ohje, schon ist es wieder da, das pandemische Fernweh. 😉

      Es ist toll und wichtig, wenn man in jungen Jahren mit dem Investieren anfangen kann. Das darf ja aber noch sehr entspannt und mit kleinen Beträgen sein. Wenn möglich, können ja auch die Eltern unterstützen. Wichtig ist für mich, dass man investieren kennenlernt und damit vertraut wird. Und die kleinen Beträge am Anfang haben ja auch einen großen Effekt.

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