ETF-Rente und Crash – F&A # 1

Fragezeichen symbolisier Fragen und Antworten zum Thema: Leserfrage zur Rente. Was tun wenn kurz vor der Rente ein Crash kommt und die ETFs stark im Wert sinken?

Heute findest Du hier keinen Artikel, sondern meine Antwort auf die Frage einer Leserin zur ETF-Rente und einem möglichen Crash oder Bärenmarkt kurz vor dem Renteneintritt. Diese erste Leserfrage, die ich erhalten habe, möchte ich zum Anlass nehmen, eine neue Kategorie einzuführen: Fragen und Antworten von Leserinnen und Lesern.

Insbesondere Fragen, von denen ich denke, dass die Antwort für alle interessant sein könnte, werde ich gerne ausführlich in dieser Form beantworten. Gegebenenfalls werde ich auch verschiedene Fragen bündeln. Wenn Du mir also, z.B. per Email, eine Frage schickt, schreib doch einfach dazu, ob es okay ist, diese zu veröffentlichen. Keine Sorge: ich werde keine Namen nennen, es sei denn Du wünscht es ausdrücklich.

Einen Hinweis muss ich allerdings noch loswerden: Natürlich kann ich im Rahmen einer Fragen und Antworten-Rubrik auf einem Blog keine individuelle Anlageberatung vornehmen. Das möchte ich auch gar nicht. Ich schildere hier ja nur meine Meinung als bloggender Privatanleger.

Fragen und Antworten #1

Frage: Was, wenn es kurz vor der ETF-Rente einen Crash gibt?

Eine Leserin, Mitte 40, stellt folgende Frage: „Was soll ich tun, wenn ich jahrzehntelang Geld gespart habe und dann, kurz bevor ich in Rente gehen möchte, kommt es zum Crash?“

Kurze Antwort

Eine sehr wichtige und gute Frage. Die Sorge ist natürlich berechtigt und ich kann die Frage verstehen. Vermögensaufbau und Altersvorsorge mit Aktien-ETFs ist verlockend und lockt mit hoher Rendite. Doch hohe Rendite bedeutet auch hohes Risiko. Was, wenn jemand 20-30 Jahre fleißig gespart hat und genau dann, wenn er oder sie die Früchte des Ersparten genießen möchte, der große Crash kommt? Okay, Crashs sind nicht sehr häufig, aber kommen dennoch immer wieder mal vor. Ebenso wie Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen sind sie nicht vorhersehbar. Im letzten Artikel hatte ich dies bereits dargelegt. Da ist es gut, vorbereitet zu sein.

Die gute Nachricht zuerst. Ein breit diversifiziertes Portfolio wird sich auch von einem ausgewachsenen Crash und einem anschließenden Bärenmarkt wieder erholen. Taucht der Crash wirklich zum Renteneintritt auf, dann kann es sinnvoll sein, den Beginn der Entnahme etwas zu verzögern (ggf. vorübergehend einen Nebenjob annehmen) oder zunächst weniger zu entnehmen. Folgende Schritte sind darüber hinaus ganz allgemein ratsam, unabhängig davon, ob der Crash am Anfang oder während der Entnahmephase auftritt:

  • Das Portfolio wetterfest machen: 30-50% in sichere Werte (Staatsanleihen)
  • Den Risikopuffer aufstocken: statt einer Rücklage von ca. 3 Monatsgehältern wie während der Einzahlphase, wären mindestens 6, besser aber 1 Jahresgehalt angebracht, um auf der sicheren Seite zu sein
  • Mehr ansparen als notwendig wäre und einen flexiblen Entnahmeplan verwenden (3-5% auf den jeweiligen Wert des Portfolios).
  • Alternativ kann man statt auf einen Entnahmeplan auch auf ausschüttende ETFs setzen. Die Dividenden sinken während eines Bärenmarktes zwar auch, in der Regel aber nicht so stark wie die Kurswerte.

Ausführlichere Antwort

Die Ausgangslage

Zu den Eckdaten: die Fragestellerin ist Mitte 40, berufstätig und verheiratet. Sie und ihr Mann gehen aktuell einer Vollzeit-Beschäftigung nach und somit kann man davon ausgehen, dass neben der privaten Vorsorge auch noch eine staatliche Rente in unbekannter Höhe zur Verfügung steht. Diese dürfte schon einmal ein paar oder sogar alle der laufenden Kosten abdecken. Das ist doch schon einmal sehr gut und schafft Spielräume.

Ob neben der gesetzlichen noch eine betriebliche oder private Rentenversicherung vorliegt bzw. Immobilien, kann ich leider ebenfalls nicht sagen. Selbst die Höhe der sonstigen Rentenbezüge und der Lebenshaltungskosten lässt sich nicht ohne weitere Kenntnise abschätzen. Um die Frage umfassend beantworten zu können, bräuchte man natürlich noch weitere Informationen, die mir nicht vorliegen.

Es gibt da auch noch einen zusätzlichen Unsicherheitsfaktor. Aktuell ist das gesetzliche Renteneintrittsalter 67 Jahre für Männer und Frauen. Aber wie wird das in 20-25 Jahren aussehen? Ob die Rente sicher ist? Da wage ich aktuell keine Prognose. Dass es bis zum Renteneintritt der Fragestellerin aber sicher noch die eine oder andere Rentenreform geben wird, da braucht es kein Orakle. Aufgrund all dieser Ungewissheiten, muss die Antwort daher allgemein ausfallen.

Nehmen wir also für einen Augenblick den Ernstfall an. So ein großer Crash ist zwar selten, aber möglich. Eine Person hat mit Aktien-ETFs 600.000 € angespart, die nun die Rente aufbessern sollen. Kurz vor dem geplanten Beginn der Entnahme kommt es nun zu einem Crash von um die 50%. Plötzlich sind es nur noch 300.000 €. Hand aufs Herz, wer würde da nicht nervös werden?

Don’t Panic – Auch ein Crash geht vorüber

Besonders wenn es turbulent wird an den Börsen gilt: Ruhe bewahren. Panik ist immer ein schlechter Ratgeber. Es ist wichtig, sich zunächst mit den möglichen Szenarien vertraut zu machen. Halten wir zunächst einmal fest: Crash ist nicht gleich Crash. Der Flash Crash von 2010 dauerte zum Beispiel nicht mehr als eine halbe Stunde. Nach kürzester Zeit hatte sich die Börse wieder erholt.

Ein Crash bezeichnet zunächst einmal einen starken Kursverfall mit panikartigen Verkäufen. Halten die Kursverluste bis zu zwei Monate an, bevor sie sich normalisieren, dann spricht man von einer Korrektur. Bleiben die Kurse auch darüber hinaus im Keller, dann hat man es mit einem Bärenmarkt zu tun. Oft geht dieser mit einer Rezession einher. Seit 1929 erlebte z.B. der US-Akteinmarkt 25 Bärenmärkte. Das ist nicht wenig. Man sollte damit rechnen und sich entsprechend vorbereiten.

Flash Crash

Schauen wir uns die Szenarien im einzelnen an. Den Flash Crash von 2010 hätte die Fragestellerin vermutlich erst im Nachhinein mitbekommen. Auf so etwas kann man sich nicht vorbereiten. Da es keinen nenneswerten Effekt auf das Portfolio hat, kann es einem auch ziemlich egal sein.

Korrektur

Auch eine Korrektur ist wenig bedrohlich, denn sie dauert nicht sehr lange. Generell wird Anlegern ja auch in der Ansparphase empfohlen, einen Risikopuffer von 3 Monatsgehältern auf dem Tagesgeldkonto zu parken. Bevor ich anfangen würde, Anteile zu verkaufen, würde ich zunächst diesen Puffer aufbrauchen. In den meisten Fällen ist das schlimmste dann bereits überstanden. Sobald die Kurse sich normalisiert haben, kann man dann etwas mehr entnehmen, um den Puffer wieder aufzubauen. Leider weiß man aber nicht im vornherein nicht, ob es sich nur um eine kurze Korrektur oder einen ausgewachsenen Bärenmarkt handelt.

Bärenmarkt und Sequence of Returns

Bedrohlich wird es erst bei einem langanhaltenden Bärenmarkt. Je weniger man von seinem Portfolio während eines Bärenmarktes entnimmt, umso besser. Gerade wenn sich dieser am Anfang der Rente ereignet, ist die Gefahr tatsächlich nicht zu unterschätzen. Das Stichwort lautet Sequence-of-Return-Risk, d.h. das Risiko bei der Reihenfolge der Renditen.

In der Ansparphase ist es bei einem Sparplan von Vorteil, wenn die Jahre mit Verlusten, negativen Renditen, am Anfang kommen. Bei der Entnahme ist das leider umgekehrt. Kommen die schlechten Jahre am Anfang (Stichwort: Sequence of Return Risk), besteht bei der regelmäßigen Entnahme eines gleichbleibenden Betrags die Gefahr, dass das Vermögen rasch aufgebraucht wird.

Bedrohlich wird es erst bei einem langanhaltenden Bärenmarkt. Je weniger man von seinem Portfolio während eines Bärenmarktes entnimmt, umso besser. Gerade wenn sich dieser am Anfang der Rente ereignet, ist die Gefahr tatsächlich nicht zu unterschätzen. Das Stichwort lautet Sequence-of-Return-Risk, d.h. das Risiko bei der Reihenfolge der Renditen. In der Ansparphase ist es bei einem Sparplan von Vorteil, wenn die Jahre mit Verlusten, negativen Renditen, am Anfang kommen. Bei der Entnahme ist das leider umgekehrt. Kommen die schlechten Jahre am Anfang (Stichwort: Sequence of Return Risk), besteht bei der regelmäßigen Entnahme eines gleichbleibenden Betrags die Gefahr, dass das Vermögen rasch aufgebraucht wird.

Bei niedrigen Kursen muss man mehr Anteile veräußern, um auf die selbe Summe zu kommen. Das ist fatal. Was entnommen ist, kann in der Folge keinen Zinseszins mehr entwickeln. Sollten gar zwei Bärenmärkte kurz aufeinander folgen, kann es leicht passieren, dass das Ersparte im Portfolio noch zu Lebzeiten zur Neige geht. Das sollte unbedingt verhindert werden.

Das Renten-Portfolio wetterfest machen für den Bärenmarkt

Nun, ganz allgemein sollte man sich in jedem Fall auch einmal genau ansehen, wie das Portfolio konstruiert ist. Welche Risikotoleranz ist vorhanden und angebracht? Ein Portfolio, das zu 100% aus Aktien besteht, auch wenn es weltweit gut diversifiziert ist, unterliegt natürlich großen Schwankungen. Kommt es zum 50%-Verlust, dann verliert es auch 50% an Wert.

Zum Glück ist so ein Crash bzw. Bärenmarkt nicht die Regel. Seit 1929 liegt der durchschnittliche Verlust bei einem Bärenmarkt in der USA bei 34%. Der Schlimmste brachte einen Verlust von 62%, der Mildeste einen von 21%. Daher würde ein Berater sicher vorschlagen, in den Jahren vor der Rente nach und nach einen großen Teil in sicherere (aber nicht so renditestarke) Anlageformen wie Staatsanleihen umzuschichten.

Kommer präsentiert in der 4. Auflage von Souverän investieren eine Statistik (S. 291) für sein Weltportfolio, die den Zeitraum von 1975 bis 2014 abdeckt. Das Weltportfolio mit 100% Aktien liefert in dieser Zeit eine Durchschnittsrendite von 10,3%. Mischt man Aktien und Anleihen im Verhältnis von 60% zu 40%, dann sinkt die Rendite auf 8,0%. Das kann sich immer noch sehen lassen.

Gleichzeitig hat die Volatilität stark abgenommen. Während das reine Aktien-Portfolio auf einen maximalen kumulativen Verlust von -54% kommt, sind es bei der 60-40-Variante nur noch -35%. Nicht schön, aber deutlich besser. Falls man auf eine feste Entnahmerate angewiesen ist, kann es ratsam sein, die Entnahmerate zu vermindern und die fehlende Summe durch die Rücklagen des Risikopuffers auszugleichen.

Den Risikopuffer aufstocken

Generelle halte ich es für ratsam, kurz vor der Rente den Notgroschen aufzustocken. Durchschnittlich dauerten zum Beispiel die 25 US-Bärenmärkte 10 Monate. Dementsprechend würde ich einen Risikopuffer anlegen, der zumindest die ersten 6, besser 12, Monate abdeckt. Das sollte in vielen Fällen reichen. Doch was, wenn der Bärenmarkt hartnäckig ist?

Übersparen und einen flexiblen Entnahmeplan verwenden

Hat man keinen oder einen zu geringen Risikopuffer, dann muss das nicht fatal sein. Bei einem flexiblen Entnahmeplan ist das nicht unbedingt notwendig. Das setzt voraus, dass man etwas mehr angespart hat, als man benötigt. Beim flexiblen Entnahmeplan, entnimmt man nämlich – wie der Name vermuten lässt – keine feste Summe.

Die jeweilige Entnahmerate entspricht einem Prozentsatz des aktuellen Wertes des Portfolios. Das heißt, man entnimmt jährlich 3-5 Prozent des Portfolios. Abhängig vom aktuellen Wert des Portfolios kann das mal mehr und mal weniger sein. Mit fortlaufender Zeit sollten die Ausschüttungen aber höher werden und ein komfortableres Leben ermöglichen. In guten Jahren wäre es natürlich ratsam, seine Rücklagen aufzustocken.

Unter diesem Link findet man einen flexiblen Entnahmeplan (flexible distribution plan) von Paul Merriman auf Grundlage des S&P 500.. Er verdeutlich sehr schön, welchen Unterschied es macht, ob man mehr oder weniger Anleihen im Portfolio hat und zeigt, wie rückblickend, wie es einem bei unterschiedlichen Entnahmeraten ergangen wäre.

Ausschüttende ETFs als Alternative

Eine andere Möglichkeit, um den völligen Verzehr zu verhindern, ist die Verwendung von ausschüttenden ETFs. Hier verkauft man Anteile nicht direkt sondern erhält lediglich die ausgeschütteten Dividenden und Zinserträge. Der Effekt ist der Gleiche, allerdings sind die Einkünfte dann nicht so exakt zu steuern. Während der Ansparphase gibt es steuerlich ein paar Nachteile, andererseits können die stetig wachsenden Einkünfte eine große Motivation sein, am Ball zu bleiben.

Fazit – Crash oder Bärenmarkt vor der Rente

Generell gilt: kommt es am Anfang des Renteneintritts zu einem Crash oder Bärenmarkt, ist in der Tat Vorsicht geboten (Stichwort Sequence of Return Risk, s.o.) Am besten, man bereitet sich und sein Portfolio (Aktien-Anleihen-Mix vor dem Renteneintritt anpassen) auf diese Eventualität vor. Hat man keinen notwendigen Risikopuffer und ist auf die regelmäßigen Einnahmen angewiesen, kann es aber auch sinnvoll sein, vorübergehend einen Nebenjob anzunehmen, um die Rücklagen nicht anzugreifen. Hat man überspart, kann man jedoch ganz beruhigt sein und mit dem flexiblen Entnahmeplan starten.

Auch wenn sich die 50% eines Crashs nach einem großen Verlust anfühlen, sollte man das große Ganze nicht aus dem Blick verlieren. Beginnt man mit Mitte 40 zu investieren und hält das bis 67 aufrecht, dann hat ein Großteil der Anlagesumme mehr als 10-15 Jahre auf dem Buckel. Wenn man sich das berühmte DAX-Renditedreieck etwas näher ansieht, wird man Folgendes feststellen. Selbst mit einem Investment in einen DAX-ETF, was ich nicht für sinnvoll halte, hätte man über einen so langen Zeitraum keine Verluste erwirtschaftet. Auch wenn sich das Portfolio vorübergehend drastisch reduziert, hat man sehr wahrscheinlich immer noch einen guten Gewinn erwirtschaftet.

Noch Fragen?

Möchtest Du Dich selbst bei den Fragen und Antworten beteiligen? Hast Du z.B. eine Frage, von der Du Dir wünschst, dass ich sie in einem Beitrag bespreche? Egal ob zu ETFs, Rente, Crash, Philosophie oder etwas anderes – dann melde Dich doch einfach. Wenn es mir möglich ist, werde ich sie gerne in einer zukünftigen Fragen und Antworten-Folge besprechen.

Fragezeichen symbolisier Fragen und Antworten zum Thema: Leserfrage zur Rente. Was tun wenn kurz vor der Rente ein Crash kommt und die ETFs stark im Wert sinken?

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