2. Aktien sind nur etwas für Finanzprofis – 4 falsche Vorstellungen

Aktien sind nur etwas für Finanzprofis - warum du auch keine Angst vor der Steuererklärung brauchst

Im zweiten Artikel dieser kleinen Artikelserie, die sich mit 4 falschen Vorstellungen über das Investieren befasst, geht es nun um die falsche Vorstellung “Aktien sind nur etwas für Finanzprofis.”

Insgesamt geht es in dieser Artikelserie um folgende falsche Vorstellungen:

  1. In Aktien zu investieren ist nur etwas für Reiche.
  2. Aktien sind nur etwas für Finanzprofis.
  3. Investieren in Aktienwerte ist Zockerei.
  4. Beim Investieren in Aktienwerte muss man auf den richtigen Zeitpunkt warten.

Im ersten Artikel konnte ich Dich hoffentlich davon überzeugen, dass Investieren nicht nur etwas für Reiche ist.

Vielleicht hast Du ihn gelesen und denkst Dir jetzt: “Na gut, irgendwann muss man mal anfangen und auch als Kleinanleger*in kann ich theoretisch in Aktien investieren. Doch wie sieht das in der Praxis aus? Ist das nicht gefährlich und furchtbar kompliziert? Aktien sind nur etwas für Finanzprofis und nicht für Privatanleger, oder?”

Ich würde sagen: Oder! Allerdings muss ich das schon etwas ausführen.

Die Behauptung, dass Privatanleger an der Börse immer verlieren würden und gegen institutionelle Großanleger keine Chance hätten, lese ich häufig.

Einerseits halte ich sie für falsch. Andererseits haben Privatanleger häufig doch eine schlechtere Performance als institutionelle Großanleger.

Das Privatanleger schlechter abschneiden als Finanzanleger ist für mich jedenfalls kein Naturgesetz und kann vermieden werden.

Es gibt dafür ein paar einfach Gründe. Räumst Du diese Probleme aus dem Weg, dann stehen die Chancen tatsächlich sehr gut.

Finanzprofis verkaufen oft Produkte mit hohen Kosten

Hohe Kosten bedeuten meist hohe Provisionen

Irgendwie ist es paradox. Viele denken, dass Sie für die Geldanlage die Hilfe von Finanzprofis benötigen.

Nicht selten sind es aber gerade diese Finanzprofis, die dann der Grund dafür sind, dass viele Privatanleger weit hinter dem Markt zurückbleiben.

Wie kann das sein? Das Zauberwort lautet: Interessenkonflikt.

Viele Finanzprofis verdienen ihr täglich Brot mit den Provisionen der Finanzprodukte, die sie ihren Kunden – also Dir – vermitteln.

Egal ob Sie Berater*in, Bankberater*in oder Versicherungsvertreter*in heißen – viele von Ihnen sind einfach Verkäufer*innen, die für die Vermittlung bestimmter Produkte eine Provision erhalten.

Das ist im Prinzip noch gar nicht schlimm und heißt auch nicht, dass jede/r von Ihnen zu Deinem Nachteil handelt.

Die allermeisten haben sicher – insbesondere am Anfang – eine gute Motivation. Leider macht es ihnen das provisionsgetriebene Vertriebssystem aber nicht leicht, Deine Interessen an erste Stelle zu setzen.

Niedrige Provisionen sind gut für Dich, aber meist nicht für die Berater*innen

Die Krux an der Sache ist Folgende. Produkte mit geringen Kosten sind meist gut für Dich, bieten Deinem bzw. Deiner Berater*in aber oft gar keine oder nur sehr geringe Provisionen.

Das ist natürlich schlecht für ihn oder sie.

Teure Produkte sind hingegen in der Regel von Nachteil für Dich, da die hohen Kosten an der Rendite zehren. Daher sind sie auch schwerer zu verkaufen und daher gibt es dafür hohe Provisionen.

Du verstehst, worauf ich hinauswill? Leben Berater*innen vor allem von Provisionen und vermitteln Dir ausschließlich Produkte, die in Deinem Interesse sind, haben sie das Problem.

Sie erhalten dann gar keine oder nur sehr geringe Provisionen. Das ist zwar gut für ihr Karma, aber davon können sie sich nichts kaufen.

Selbst wenn Berater*innen in der Tiefe ihres Herzens altruistisch veranlagt sind und sich mit wenig zufriedengeben, tun es Chef*innen wahrscheinlich nicht. Sie werden aufgefordert teure Produkte zu verkaufen.

Sind die hohen Kosten nicht gerechtfertigt?

Okay. Hohe Kosten müssen ja nicht immer etwas Schlechtes sein. Sind sie nicht einfach ein Zeichen dafür, dass man Qualität erhält? Was soll diese Geiz ist geil-Mentalität?

Manchmal hört man dann – vor allem von Berater*innen die auf Provisionsbasis arbeiten – dass der Preis gerechtfertigt sei.

Immerhin bekommt man dafür ja ein Produkt, dass – zumindest in der Vergangenheit – eine bessere Performance hatte als ein Indexfonds.

Oder es heißt: ja, aber dafür ist das Produkt sicher, weil es zum Beispiel in eine Versicherung eingebettet ist oder der Fonds eine Absicherung enthält und in turbulenten Marktphasen in sichere Werte umschichtet.

Mich hat zumindest die Beratung bei meiner eigenen Bank zur Geldanlage nicht überzeugt.

Die Sache mit der Versicherung

Versicherungen sind eine tolle Sache. Sie können ein echter Segen sein, wie zum Beispiel eine Krankenversicherung.

Beim Vermögensaufbau halte ich Sie aber meistens für keine gute Idee. Warum? Nun. Sie kosten oft sehr viel.

Zusätzlich zu den Produktkosten der Fonds oder seltener auch ETFs, finden sich bei Kapitallebensversicherungen oft hohe Abschlussgebühren und enorme laufende Gebühren für den Versicherungsmantel.

Wenn dazu dann noch hohe Fondskosten kommen, ist für mich das Trio Infernale der Vermögensbildung komplett.

Warum bieten Berater*innen so etwas ihren Kunden an?

Die hohen Abschlussgebühren korrelieren leider oft mit hohen Provisionen. Könnte es wohl daran liegen?

Die Sache mit der besseren Performance

“Aktiv gemanagte Fonds mit hohen Gebühren sind ihr Geld wert, denn schließlich bieten sie den Anleger*innen eine bessere Performance als ein ETF von der Stange.”

Nein. Tun sie – in der Regel – eben nicht.

Die SPIVA-Studie beweist das ein ums andere Male sehr eindrücklich.

In manchen Jahren schaffen es noch recht viele aktiv gemanagte Fonds, den Markt zu schlagen.

Je länger aber der Zeitraum wird, den man in Betracht zieht, umso weniger Fonds bleiben übrig.

So schafften es zuletzt gerade einmal 4% der aktiv gemanagten US Large Cap-Fonds über einen 20-Jahreszeitraum ihre Benchmark zu schlagen.

Leider ist es auch nicht möglich, aus den verbleibenden Fonds Rückschlüsse für die Zukunft zu ziehen

Aktive Fonds sind mehrheitlich also nicht in der Lage, eine bessere Performance zu erzielen als der Markt.

Anders ausgedrückt: die höheren Kosten lassen sich nicht rechtfertigen. Es sei denn, einen interessieren die hohen Provisionen. Soll ja vorkommen…

Die Sache mit der Absicherung

Manche Fonds oder Anlagevehikel bzw. Robo-Advisor rechtfertigen den höheren Preis auch mit einer Absicherung.

Sie versprechen ihren Kunden einen Schutz vor Kurseinbrüchen. Die Logik dahinter klingt ganz einfach.

Sobald sich ein Kursrutsch abzeichnet, schichtet das Management von Aktien in sicherere Werte wie Anleihen oder Rohstoffe um.

Na, dann ist doch alles easy. Wenn das Geld dadurch sicher ist, gibt man ja gerne etwas dafür aus.

Doch leider klingt das mit der Absicherung leichter, als es ist. So einfach lassen sich Kursrutsche dann doch wieder nicht vorhersagen.

Oder anders ausgedrückt: wenn es so einfach wäre, würde das jeder machen.

Klappt also leider nicht. Meist steigt das Management entweder zu früh aus und die Kurse drehen wieder nach oben oder der Ausstieg erfolgt zu spät.

Auch der Wiedereinstieg ist nicht leicht. Es hat halt leider niemand eine Kristallkugel zur Hand.

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Anlegen wie institutionelle Anleger kann heute jeder

Im ersten Artikel hatte ich sie ja schon erwähnt, die ETFs. Damit kann heute eigentlich jeder anlegen, wie es früher nur institutionellen Anlegern möglich war.

Mit dem Vanguard ESG Global All-Cap UCITS ETF ist langfristig ein Investment möglich, bei dem Dein Geld über 7.500 große, mittlere und kleine Unternehmen weltweit gestreut wird – und das ohne Ausgabeaufschlag und bei laufenden Kosten von 0,24% p.a.

Alles was es dazu braucht, ist ein Depot und einen Sparplan einzurichten oder einen Einmalbetrag anzulegen.

Danach kann man sich zurücklehnen und einfach abwarten.

Ein solcher ETF kann zwar schwanken, aber Pleite geht er ziemlich sicher nicht. Es gibt also eigentlich keinen Grund, warum Privatanleger*innen nicht genauso gut anlegen könnten wie institutionelle Anleger.

Und wenn Du Dich das nicht traust, gibt es noch Robo-Advisor, die Dir den Einstieg mit einem gemanagten Portfolio bei oft moderat höheren Kosten leichter machen.

growney: Einfach. Erfolgreich. Anlegen.

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Ein Grund bleibt noch: Du

Panik und Gier – Privatanleger*innen handeln emotional

Na ja, ein Hindernis gibt es vielleicht doch noch.

Es ist leider so. Der größte Feind der Privatanleger*innen lauert in den eigenen 4 Wänden.

Nein. Es sind weder Deine Kinder noch der/die Partner*in. Du findest den Übeltäter, wenn Du in den Spiegel schaust.

Es sind Deine Emotionen, die Dir bei der Geldanlage ein Bein stellen, vor allem Panik und Gier.

Sie sind allerdings nicht immer nur ein Hindernis, dass Dich vom Investieren abhält. Vielmehr hindern sie Dich vielleicht auch daran, dabei zu bleiben oder eine gute Rendite zu erwirtschaften.

Studien zeigen regelmäßig, dass es einen Unterschied zwischen den Renditen von Fonds und ETFs gibt und dem, was Anleger*innen, die in diese investieren damit erwirtschaften.

Privatanleger*innen kaufen und verkaufen nämlich meist zum falschen Zeitpunkt. Sie handeln oft emotional.

Steigen die Kurse, wird gekauft. Fallen die Kurse wird verkauft. Meistens geht das schief.

Ein anderes Problem kann ein Kursrutsch sein, nachdem Du Dich endlich dazu durchgerungen hast, zu investieren.

Kommt dann ein 50%-iger Kursrutsch – was immer wieder mal passiert – wird es vielen zu viel und sie wenden sich von der Börse ab. Dabei verpassen sie natürlich die Erholung, die bisher bei breiten Indexen noch immer erfolgte.

Das Lifestyle-Problem

Bei wieder anderen sorgt der Lifestyle dafür, dass am Ende des Monats nichts übrigbleibt. Hier spreche ich jetzt explizit nicht von Menschen, die ein niedriges Einkommen haben.

In den USA gibt es laut Business Insider derzeit zum Beispiel viele, die trotz eines hohen Einkommens von 100.000 USD im Jahr und mehr, am Ende des Monats nichts übrig haben.

Du musst kein Hardcore-Frugalist sein, um investieren zu können. Wenn Du aber so diszipliniert bist, Dir am Anfang des Monats ein bisschen Geld für Investitionen zur Seite zu legen, ist viel gewonnen.

Angst vor der Steuererklärung

Kürzlich wurde ich auch auf ein anderes Problem aufmerksam. Ein Verwandter äußerte Angst vor der Steuererklärung: “Muss ich dann nicht eine Steuererklärung machen, wenn ich mir ETFs zulege?”

Solange man als Deutscher einen deutschen Broker verwendet, wird die Steuer in der Regel ganz automatisch abgeführt. In den meisten Fällen entsteht dadurch wohl keine Pflicht zur Abgabe einer Steuererklärung.

Darüber hinaus kannst Du – sofern Du keine anderen Einkünfte durch Kapitalanlagen hast, den Sparer-Pauschbetrag nutzen.

Im Einzelfall solltest Du das natürlich mit Deinem/-er Steuerberater*in besprechen.

Meiner Meinung nach brauchst Du aber keine Angst vor der Steuererklärung zu haben. Und überhaupt: Steuer zahlt nur jemand, der auch etwas verdient. Das ist also ein Luxusproblem.

Doch es gibt in Bezug auf Dich auch etwas Positives zu vermelden. Du kannst diese Probleme nämlich alle ganz einfach selbst abstellen.

Automatisiere die Geldanlage so weit wie möglich und lass Deinen Emotionen damit keinen Raum, Schaden anzurichten.

Richte einfach am Anfang des Monats einen Sparplan ein und lass diesen laufen.

Geht es an der Börse bergab, dann stell Dir einfach vor, dass Du jetzt Deine Aktien-ETFs zum Sparpreis erhältst. Steigen die Kurse, dann kannst Du Dich natürlich auch am Wertzuwachs erfreuen.

In jedem Fall, wünsche ich Dir viel Erfolg beim Investieren und hoffe, dass ich Dich dazu ermutigen konnte, vielleicht doch einmal die ersten Schritte zu unternehmen.

Fazit – Aktien sind nur etwas für Finanzprofis?

In Aktien zu investieren ist nicht nur etwas für Reiche und auch die Aussage “Aktien sind nur etwas für Finanzprofis”, stimmt meiner Meinung nach nicht.

Wenn Privatanleger*innen ein paar einfache Regeln wie zum Beispiel diese “billig, einfach und diversifiziert“, beachten, können sie heute genauso anlegen, wie institutionelle Anleger.

“Aktien sind nur etwas für Finanzprofis,” ist für mein Empfinden eine Botschaft, die ganz bewusst von der Finanzindustrie verbreitet wird – schließlich möchte sie bei der Geldanlage etwas mitverdienen. Bis zu einem gewissen Grad ist das ja auch akzeptabel, wenn dadurch ein Mehrwert entsteht.

Privatanleger*innen können heutzutage ihr Geld sehr gut selbst verwalten und anlegen. Vorher müssen sie allerdings verstehen, worauf sie sich einlassen und benötigen auch viel Disziplin.

Bis Du noch nicht überzeugt? Dann lies unbedingt weiter. Falls doch, freue ich mich natürlich trotzdem, wenn Du weiterliest. Im nächsten Teil geht es nämlich um die falsche Vorstellung, dass Investieren Zockerei ist.

Zu Teil 3 der Artikelserie geht es hier.

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2. Aktien sind nur etwas für Finanzprofis - 4 falsche Vorstellungen 1

5 Antworten zu “2. Aktien sind nur etwas für Finanzprofis – 4 falsche Vorstellungen”

    1. Hallo Jörg,
      vielen Dank für Deine Nachricht und den interessanten Artikel. Das habe ich tatsächlich gar nicht bewusst getan, sondern es hängt wohl auch damit zusammen, dass ich im beruflichen Kontext so schreibe. Tatsächlich bin ich auch der Meinung, dass Gleichberechtigung sich nicht nur beim Gendern niederschlagen sollte, sondern natürlich viel wesentlicher in gleichen Rahmenbedingungen und z.B. auch gleicher Bezahlung.

      Der logische Zirkelschluss des Artikels ist aber schon ziemlich verquer: (1) Aufklärung = Christlich/Jüdisch, (2) gemäß christlich-jüdischer Vorstellung schuf Gott den Mensch als Mann und Frau (“Gemäss Judentum und Christentum ist der Mensch eine Leib-Seele-Einheit, geschaffen als Mann oder Frau. “) => (3) ergo ist alles, was gegen diese natürliche Weltordnung gerichtet ist antiaufklärerisch. Das scheint mir doch eher aus einer christlich-fundamentalistischen Ecke zu kommen und damit auch eher antiaufklärerisch zu sein als ein Gendersternchen.

      An letzterem hänge ich nicht und wenn es meine Leserinnen und Leser stört, kann ich es wieder lassen. Ich sehe das für mich eher als eine Art Achtsamkeitsübung, mir dabei bewusst zu machen, dass ich gleichermaßen für Männer, Frauen aber auch Menschen schreibe, die sich selbst anders definieren. Davon gibt es längst nicht so wenige, wie es der zitierte Artikel suggeriert.

      So oder so, die älteren Artikel werde ich allerdings ganz sicher nicht anpassen. Den Blog betreibe ich ja komplett alleine und das wäre mir doch etwas zu viel Aufwand. Bei diesem Artikel ziehe ich es jetzt vielleicht noch einheitlich durch und dann mal sehen…

      1. Danke @Rolf,

        es tut mir leid, dass du mit Gendersternchen beruflich schreiben musst. Mir wuerde das ziemlich schwer fallen. Das ist, wie gezwungen werden, auf Arbeit mit einer laecherlich-roten Pappnase rumzulaufen (nur schlimmer, weil innen im Kopf, nicht aussen am Kopf) …

        Ich finde es interessant, dass du den Artikel v.a. auf dem Ohr “Gendern ist gegen christlich-juedisches Verstaendnis” hoerst.
        Vielleicht, weil du als Buddhist dort eine Vorfestlegung hast (schlechte Erfahrungen mit Christentum gemacht)? Vielleicht liest du ihn noch einmal?

        Ich verstehe die Argumentation vom Naturalismus (also der Biologie und ihrer biologischen Notwendigkeiten) herkommend. Der Gender-Kampf ist deshalb mittelfristig zum Scheitern verurteilt, weil unnatuerlich, evolutionistisch nachteilig, selbstzerstoererisch.

        Ob meine Beobachtung stimmt, dass das Gendern vor allem ein Phenomen linker Politik oder linker Medien ist?
        Die sind weit mehrheitlich auch gegen privates Eigentum und auch gegen private Altersvorsorge, weil damit eine freiheitliche (gefaehrliche) Unabhaengigkeit vom staatlichen Dirigismus/Interventionalismus entstehen koennte (Ziel ist ja sozialistische Planwirtschaft; Eigenverantwortung wird bekaempft)? Wer wuerde aber fuer Enteignung stimmen, wenn er selber mit Aktien am (poehsen) Wirtschaftssystem partizipiert?

        Deshalb hatte ich mich ueber das Gendern hier gewundert, sind die Leser hier am Blog doch einer privaten Vermoegensbildung aufgeschlossen und nicht Feinde davon …

        LG Joerg

        1. Hallo Jörg,
          tja, so divers sind die Leute eben. Es ist zugegeben manchmal eine zusätzliche Anstrengung beim Schreiben, zu gendern. Allerdings beschäftige ich mich ja auch beruflich mit Worten und bin mir daher sehr wohl bewusst, welchen Einfluss sie auf das Erleben haben. Dementsprechend empfinde ich achtsamen Sprachgebrauch nicht als künstlich oder lächerlich, sondern finde das in Maßen okay.

          Mein Verständnis des NZZ-Textes hat tatsächlich wenig mit dem Buddhismus oder meinem (eigentlich sehr guten) Verhältnis zum Christentum zu tun, sondern vielleicht eher damit, dass ich gewohnt bin mit solchen Texten zu arbeiten und sie zu analysieren. Der Text ist doch programmatisch sehr klar und nimmt schon im ersten Satz Rekurs auf den Turm von Babylon, “Der Mensch als Schöpfer seiner selbst, dem niemand Grenzen setzt: Das ist die Phantasie der Gendertheoretiker, die den Unterschied zwischen Männern und Frauen leugnen.” Hier wird also Gendern quasi mit der Selbsterhöhung des Menschen auf die Stufe des Göttlichen gleichgesetzt. Weiter hinten heißt es entsprechend: “In der heutigen Gendervariante will er zumindest Gott sein über seine geschlechtliche Identität.” Die Botschaft lautet also: wer gendert, versucht sich Gott gleich zu stellen oder sich über ihn zu erheben – und das ist aus der christlichen Perspektive die Sünde schlechthin.

          Es ist ein übliches Muster moderner fundamentalistischer Christen, die Wissenschaft für sich zu vereinnahmen und dabei so zu tun, als berufen sie sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse, um ihre fundamentalistischen Standpunkte zu verteidigen. Als Kontrapunkt dazu charakterisiert der Autor die Gendertheorie als wissenschaftsfeindlich bzw. “gegen das jüdisch-christliche Menschenbild” gerichtet, was für ihn identisch ist. Wissenschaftsfeindlich kann man hier wohl auch – und das ist schon irgendwie ironisch – als Synonym zu Sünde auffassen.

          Für den Autoren sind Menschen wohl klar unterteilt in Männer und Frauen, schwarz oder weiß, ohne einen Raum für irgendetwas dazwischen. Das ist für ihn die natürliche Ordnung der Welt, von Gott erschaffen und damit auch durch die (für ihn) echte Wissenschaft belegt. So einfach kann die Welt sein. Auf einer solchen pseudointellektuellen Ebene ist dieser Text für mich angesiedelt. Die Worte klingen toll, aber der Inhalt ist für mich sehr dürftig.

          Tatsächlich definieren sich in Deutschland nur gut 70% der Frauen und 80% der Männer als klar heterosexuell. So klar, wie er es darstellt, ist das also schon Mal nicht. Es ist auch nicht so, dass man durch gendern versuchen würde, die natur- bzw. gottgegebene Unterteilung zwischen den Geschlechtern aufzulösen. So wie er Geschlechter definiert, ist der Schritt nicht mehr weit, Homosexualität oder Transsexualität – wenn nicht als Krankheit – dann doch zumindest als Störung der natürlichen, von Gott errichteten, Ordnung zu sehen.

          Wie gesagt, für mich ist Gender keine Religion oder irgendein Versuch, gendergrenzen zu verwischen oder aufzulösen. Ich versuche einfach die Geschlechter einigermaßen gleichberechtigt zu behandeln und immer im Hinterkopf zu behalten, dass (hoffentlich) auch viele Frauen oder Diverse meine Texte lesen und sich dann auch gerne angesprochen fühlen.

          Nun hat mich aber doch tatsächlich die Neugierde gepackt, ob ich mit meiner Einschätzung des Textes falsch liege und ich habe den Autoren gegoogelt. Siehe da: er ist in christlichen Kreisen kein unbeschriebenes Blatt. Giuseppe Gracia war katholischer Pressesprecher in der Schweiz, u.a. im Bistum Basel und zuletzt in Chur. Das Bistum Chur hat sich von ihm nun getrennt und dieses Zitat des ehemalige Generalvikar der Urschweiz, Martin Kopp, dazu, lässt tief blicken “Gracia hat seinem Herrn nach allen Regeln der Kunst gedient. Aber nicht der Kirche”! War er der katholischen Kirche zu fundamentalistisch? Das will schon etwas heißen…

          Dass linke Parteien generell gegen Vermögensbildung mittels Aktien sind, halte ich auch für ein Gerücht. Zugegeben kommt es da weniger vor und bei SPD und Linken mag das stimmen. Bei den Grünen wird aber zum Beispiel schon lange über einen Staatsfonds nach norwegischem Vorbild diskutiert.

          Allein auf die private Vorsorge zu setzen, halte ich übrigens auch nicht für richtig. Nicht, weil ich Menschen bevormunden möchte, im Gegenteil. Ein Blick in die USA macht es aber deutlich. Dort gibt es ja ein hervorragendes System für die private Altersvorsorge, das wirklich maximal flexibel ist. Es bietet eigentlich alles, was man sich nur wünschen kann. Das Problem ist: aufgrund der Freiwilligkeit wird es nicht von genügend Menschen genutzt und die Altersarmut ist dort noch schlimmer als bei uns, denn jeder vierte Rentner gilt als arm. Setzt man bei der Altersvorsorge ausschließlich auf Freiwilligkeit, denn dann wird es einfach nicht gemacht, warum auch immer. Als Ergänzung fände ich ein System wie in den USA – zusätzlich zu einer staatlichen Altersvorsorge, die auch Aktieninvestments mitbeinhaltet – wirklich toll.

          Also, wenn ich hin und wieder Frauen und Männer sowie alle anderen in meinen Texten gleichermaßen anspreche, fühle Dich davon bitte nicht ausgeschlossen oder angegriffen. Natürlich schreibe ich auch gerne für Dich. Dahinter steckt auch ganz sicher kein Angriff gegen die Idee eine privaten Vermögensbildung, die ich in jedem Fall gut finde – auch als jemand der sich politisch tendenziell wohl eher Mitte-Links verortet. 😉

          Viele Grüße, Rolf

          1. Danke fuer die lange Erklaerung, Rolf.

            Von deiner Textkritik kann ich noch viel lernen ;-).

            Meist versuche ich auf Argumente zu schauen, nicht so sehr, von wem sie kommen (Cancel-Culture). Allerdings kam der Text in der Rubrik Feuilleton, nicht in Wissenschaft ist also sicher prinzipiell naeher bei (gefaerbter) “Meinung”.

            Weil es fuer mich ungewohnt ist, sehe ich die Gender-Sprache eher als stoerend im Lesefluss und ablenkend (WIESO machen die da mit? Was ist ihre Absicht dahinter?).
            Bisher scheint mir, dass Menschen, die es verwenden, eher nicht “achtsam” sein wollen, sondern eine bestimmte Agenda/Mission haben und sich ganz bewusst moralisierend? vom Rest (der Mehrheit?!) abgrenzen wollen. Ganz grob pauschalisierend sind das nach meiner Wahrnehmung eher “Linke” oder unreife, junge, sich interessant-machend-wollende Menschen und nicht Menschen, die ich wegen ihrer darueberhinaus fachlichen Kompetenz oder Intellektuallitaet als meine pers. Vorbilder erkennen kann.

            Wem nuetzt das Gender-Sternchen ueberhaupt? Es ist eher eine dekadente Luxus-Debatte … Verschwendete Lebenszeit?

            Nun gut, jetzt haben wir uns ausgetauscht und ich habe dich trotzdem lieb und lese weiterhin interessante Artikel bei dir, ob mit oder ohne * 😉

            LG Joerg

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